Komplexe gesellschaftliche Strukturen benötigen Ideenpluralismus – Demokratie im Jahr 2030 #FutureHubs

„Wir können die Demokratie digital upgraden“ , so das Credo von Professor Dirk Helbing von der ETH Zürich. Damit meint er nicht die Projekte in Bund, Ländern und Kommunen unter der Überschrift E-Government: Statt intelligente Plattformen zu schaffen, wurde nach dem Prinzip „Bürokratie im Netz“ die Flut von Formularen und Anordnungen einfach online abgebildet. Das Ganze wird zu Tode verwaltet.

„Wir benötigen die Kombination von smarten Technologien mit smarten Bürgerinnen und Bürgern. So etwas kann man der Politik nicht alleine überlassen. Für so etwas brauchen wir Investitionen, Kooperationen und eine breite Beteiligung der Bevölkerung“, betont Helbing.

Wie könnte die Kombinatorik von kollektiver Intelligenz, Big Data und so eine Art res publica-Watson-Supercomputer aussehen? Helbing schweben dezentral organisierte MOODs vor – also Massive Open Online Deliberation Platforms.

MOODs könnten genutzt werden, um innovativere Politikansätze auszuarbeiten, die über das einfache Mehrheitsprinzip hinausgehen. Es sollen verschiedene Perspektiven integriert werden, die nicht auf der Interessen- und Umverteilungspolitik von minimalen Mehrheiten basieren.

„Bei den verschiedensten komplexen Herausforderungen wurde schon oftmals gezeigt, dass in der Kombination von Ideen und in der Interaktion zwischen Menschen sowie von Menschen und Maschinen die besten Resultate erzielt werden können. Ein solcher Ansatz kann nicht nur die Entfaltungsmöglichkeiten vieler Bevölkerungsgruppen und kombinatorische Innovation fördern, sondern auch für eine möglichst große Chancengleichheit und eine ausgeglichene Zufriedenheit unter den Bevölkerungsgruppen sorgen“ , so Helbing.

Komplexe gesellschaftliche Strukturen benötigen Ideenpluralismus und kombinatorische Innovation

Dazu benötige man allerdings die Wissenschaft. Die Komplexität der Welt wachse schneller als die Rechnerleistungen.

„Wir brauchen einen anderen Steuerungsansatz mit verteilter Kontrolle und mehr Partizipation. Nur eine pluralistische Gesellschaft ist wandlungsfähig, resilienter und entwickelt mehr kollektive Intelligenz“, sagt Helbing.

Digitale Demokratie sei dann erfolgreich, wenn es gelingt, die digitalen Möglichkeiten so zu nutzen, dass die Ideen von Habermas oder Fishkin zur deliberativen Demokratie umgesetzt werden. Statt einer datengetriebenen Politik basierend auf zentraler Top-Down-Kontrolle und globalen Einheitslösungen plädiert Helbing für einen Weg, der die Komplexität und Vielfalt zu unseren Gunsten nutzen kann – durch den Aufbau von dezentralisierten Kooperationsnetzwerken.

In jüngster Zeit wurde mehrfach hervorgehoben, dass in polarisierten Gesellschaften die Suche nach 51 Prozent-Mehrheiten keine geeignete Lösung darstellt, da sie zu einer Diktatur der Mehrheit über die Minderheit führen kann.

„Zusätzlich haben besonders knappe Resultate – man nehme die Abstimmung zum Brexit oder zur Masseneinwanderungsinitiative in der Schweiz – zu Protesten geführt, weil man die Aussagekraft der Resultate und die Fairness des politischen Prozesses anzweifelt. Heute können die Bürgerinnen und Bürger zu einer komplexen, vielschichtigen Frage meist nur ‚Ja‘ oder ‚Nein‘ sagen. Ja oder Nein reicht jedoch oft nicht“ , führt der ETH-Professor aus.

Mit digitalen Plattformen könnten sich die Menschen mit der Komplexität von Politik auseinandersetzen und verstehen eher die Notwendigkeit von diversifizierten Politikansätzen.

Am Ende eines Deliberationsprozesses kann es immer noch einer Mehrheitswahl bedürfen. Aber zu diesem Zeitpunkt enthielte der Lösungsansatz bereits einen substantiellen Anteil an Ideen und Präferenzen der Bürgerinnen und Bürger und es käme daher viel seltener zu polarisierten Ergebnissen.

„MOODs haben einen weiteren, gewichtigen Einfluss auf die Modernisierung der Politik. Sie erlauben es, den Puls der Zeit viel schneller aufzunehmen und so rasch auf neue Herausforderungen einzugehen. Die technologische Entwicklung ist heute mitunter rasant und die Politik hinkt oft hinterher. Mittels MOODs wird der Austausch der Technologie-Avantgarde mit Politik und Verwaltung vereinfacht und institutionalisiert“, erläutert Helbing, Mitglied des D2030-Fachbeirats.

Fakten-Checks mit Künstlicher Intelligenz

MOODs sollten moderiert werden durch von der Gemeinschaft gewählte Moderatorinnen und Moderatoren, um faire und konstruktive Diskussionen zu ermöglichen. Künstliche Intelligenz könne dazu genutzt werden, auffällige Aktivitäten zu erkennen und damit Chat-Roboter und Ghostwriter zu enttarnen. Künstliche Intelligenz könnte zudem die verschiedenen Argumente in einer Diskussion sortieren und organisieren und so zu einer ausgewogenen und übersichtlichen Diskussion beitragen. Also Fakten-Checks, die nicht willkürlich von staatlichen oder privaten Organisationen betrieben werden.

Digitale Demokratie könnte nach Ansicht von Helbing einige der wichtigsten Errungenschaften unserer Gesellschaft wiederbeleben: Selbstbestimmung, Freiheit, Gewaltenteilung, Chancengleichheit, soziale Partizipation und Mitbestimmung sowie Diversität und gesellschaftliche Resilienz. Wer MOODs aufbaut, technologisch zur Blüte bringt, weiterentwickelt, finanziert und organisiert, sollte noch intensiver debattiert werden. Da sehe ich noch einige Fragen, die in der D2030-Initiative aufgegriffen werden sollten. Schließlich will man Impulse geben, Staat, Demokratie, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft neu zu denken. Die Future Hubs werden diesen Diskurs begleiten. Beispielsweise am Freitag, den 16. Juni 2017, um 11 Uhr in der Bundeszentrale für politische Bildung. Live-Talk mit Daniel Kraft, der via Facebook übertragen wird.

Man hört, sieht und streamt sich in den nächsten Tagen und Wochen bis zum Zukunftskongress in Berlin, der am 6. und 7. Juli stattfindet.

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