Mehr Möglichkeit! @a_schiel über Demokratie und Zukunft

Der Philosoph Søren Kierkegaard hat einmal eine sehr präzise Analyse des Fatalismus geliefert: Es ist ein Zustand, in dem der Mensch unfähig geworden ist, in Möglichkeiten zu denken. Alles was er tun kann, ist die bestehende Wirlichkeit ins Unendliche aufzublasen und bis zum Ende zu denken. Das Ergebnis ist erwartbar: Nichts Neues ist mehr zu erwarten, und wenn doch allenfalls Schlechtes: Der beschleunigte und verfrühte Verfall des Bestehenden, der einen, allein denkbaren Wirklichkeit, die doch das letzte ist, an was sich der Fatalist noch halten kann. Früher oder später geht alles den Bach runter. Hoffentlich später, sagt sich der Fatalist – aber das ist dann auch schon alle Hoffnung, die er noch aufbringen kann.

Diese Beschreibung eines Fatalisten passt leider ganz gut auf den Menschen des frühen 21. Jahrhunderts. Auch er bedarf dringend der Möglichkeit, die man einem Fatalisten, so Kierkegaard, zuführen müsse wie dem Erstickenden die rettende Luft. Zum Beispiel in Bezug auf die Demokratie. Wer verspricht sich eigentlich noch etwas von ihr? Was könnte die Demokratie noch möglich machen in Zukunft?

Nicht viel, scheinen die meisten zu glauben. Die Demokratie hat ihre Möglichkeiten ausgereizt. Warum wir noch an ihr festhalten sollen? Nun, sonst droht der Niedergang, sagen die Fatalisten. Demokratie ist besser als Diktatur, lernte ich schon in der Schule. Es ist die am wenigsten schlechte Staatsform, sagte einst sinngemäß Winston Churchill, immerhin ein geistreicher und wahrlich nicht unkreativer Fatalist. Diejenigen, denen das alles nach müden Ausreden klingt, reden schon mal versuchshalber von Postdemokratie.

Seit vielen Jahrzehnten führen wir in Deutschland, nein eigentlich im gesamten Westen so einen Verfallsdiskurs und definieren das Bestehende als logische Konsequenz des Gewesenen. Und das war ja, wie wir wissen, gar nicht gut. Noch viel schlimmer, als alles was jetzt ist. Stimmt ja auch. Aber kann das überzeugen? Und was macht man eigentlich mit so einer allmählich vor sich hin bröckelnden Demokratieruine, die ihre Erbauer unter Denkmalschutz gestellt haben und starrsinnig von jeder Erneuerung und Ertüchtigung abraten, weil: Zusammenbruchsgefahr!?

Dass der Erhalt eines Hauses, dessen Bewohnerschaft sich regelmäßig wandelt und ständig neue Vorstellungen über die Nutzung des Gebäudes entwickelt, die den Bau in seiner Substanz strapaziert und herausfordert – dass dieser Erhalt nur gelingen kann, wenn gelegentlich erneuert und umgebaut, renoviert und angebaut wird, ist eigentlich klar. Dass etwas, was fortdauern soll, was Zukunft haben soll auch Möglichkeit braucht, Veränderungspotenzial, ist auch klar.

Sollte es jedenfalls sein. Ist es aber noch nicht. Jedenfalls längst nicht allen. Dabei ist ja das schöne an der Demokratie, dass sie ziemlich flexibel auf Veränderungen reagieren kann. Dass sie anpassungsfähig ist. Mehr oder weniger resilient, wie man heute gerne sagt. Zumindest könnte man sagen: In den alten Schlauch Demokratie kann prinzipiell ständig völlig neuer Wein in Form moderner Politik fließen. Das geht.

Das betrifft den Inhalt. Die Form ist leider noch nicht ganz so flexibel, wie man sich wünschen würde. Da sind demokratische Staaten doch eher für die Ewigkeit gemacht, wie die Diktaturen und Monarchien vor ihnen, die, nun ja, irgendwann auch endeten. Ihre Möglichkeiten ausgereizt hatten. Wenn Demokratie das vermeiden will, muss sie nicht nur ihren Inhalt, sondern auch ihre Form ändern. Das wird ein anstrengender, weil verunsichernder, aber auch ein spannender Prozess. Wenn wir ihn zulassen. Sonst aber müssen wir es vielleicht ganz sein lassen, mit der Demokratie, da könnten die Fatalisten recht haben.

Zeit also, sich Gedanken zu machen, über neue Abstimmungs- und Beteiligungsformate, über analoge und digitale Upgrades für die Demokratie. Zum Beispiel bei der D2030-Zukunftskonferenz in Berlin oder den FutureHubs jetzt im Juni. Das wäre eine gute Gelegenheit, der Demokratie etwas lebenswichtige Möglichkeit zuzufächern. Und beim denkzentrum|demokratie machen wir damit auf jeden Fall weiter.

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